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Martin Dulig – ein Tag als Pflegehelfer im Dresdner AWO-Heim »Albert Schweitzer«

Das war mein bisher intensivster Arbeitseinsatz. Und einer, der mich komplett an meine Grenzen geführt hat: Waschen, Kämmen, Heben, Toilettengang, Essen geben, Vorlesen… Dass alle Menschen, die in der Pflege arbeiten, nicht nur eine große Verantwortung für unsere Liebsten haben, sondern auch unter schweren Bedingungen eine anstrengende Aufgabe erfüllen, war mir schon immer klar. Denn auch ich habe pflegebedürftige Angehörige in der Familie und weiß, wie schwer es ist, immer mit der nötigen Geduld das Richtige zu tun. Doch mein »Tag als Pflegehelfer« bei der Arbeiterwohlfahrt im »Albert Schweitzer Heim«, hat mir einen wirklichen und wenn man so will verschärften Einblick in den Arbeitsalltag der Pflege erlaubt.

Heimatliche Gefühle kommen beim Betreten des Wohnbereichs »A1« im Albert Schweitzer Senioren- und Pflegeheim auf: An die Wand wurde ein Bild des Moritzburger Schlosses gemalt. Doch das war es dann auch mit Romantik. Die 23 Bewohner des Wohnbereichs, viele dement, warten ab 6.30 Uhr auf mich und meine fünf Kolleginnen und Kollegen. Sie brauchen Hilfe und Betreuung, bei all den Dingen, die für uns so selbstverständlich sind. Auch beim Toilettengang oder beim Anziehen. Das ist nicht nur körperlich anstrengend, sondern kostet zunächst auch Überwindung. Immerhin dringe ich komplett in die Intims- und Privatsphäre fremder Menschen ein. Ganz ehrlich, ich fühle mich schon ein wenig unwohl dabei. Ja, auch meine Sinnesorgane werden arg strapaziert. Doch nach wenigen Minuten habe ich mich daran gewöhnt. Den Kollegen hier ist längst nichts Menschliches mehr fremd. Und mir letztlich auch nicht. Denn ohne uns, wären die Bewohner in vielen Dingen hilflos auf sich gestellt.

Für meine Kollegen bin ich einfach »der Martin«, der wie immer nicht angemeldet als Neuer auftaucht. Allerdings wissen sie bereits, wer ich bin. Im Gegensatz zu meinen vergangenen Einsätzen kann ich auf den Decknamen »Schmidt« also verzichten. Es hat sich vorher schon rumgesprochen, dass ich im Haus mitarbeiten möchte. Meine direkten Kollegen wissen aber, dass ich keine Sonderbehandlung will. Ich möchte einen Einblick in den wahren Arbeitsalltag bekommen, selbst mit anpacken und versuchen so gut zu helfen, wie ich nur kann und natürlich fachlich darf. Dann für einen Praktikanten wie mich gibt es selbstverständlich Einschränkungen.

Es dauert nur Minuten, bis ich das erste Mal richtig gefordert bin: Eine sonst sehr ruhige, an Alzheimer leidende Bewohnerin reagiert überraschend aggressiv – ich muss mit ins Zimmer kommen, um sie zu beruhigen. Nach ein paar Minuten gelingt es mir tatsächlich. Ich bin richtig erschrocken, denn mit so einem Ausbruch hatte ich nicht gerechnet. Später erfahre ich, dass die alte Dame auf männliches Personal besser reagiert. Doch es bleibt nicht viel Zeit darüber nachzudenken. Das nächste Zimmer mit der nächsten Bewohnerin wartet schon. Diesmal heißt es Waschen und Saubermachen.

Nach der Morgenrunde durch die Zimmer geht‘s gleich weiter: Das Frühstück für die Bewohner muss ausgereicht werden. Manche können dafür selbst zum Speisesaal kommen. Andere brauchen Hilfe beim Aufstehen und Gehen oder müssen in den Rollstuhl umgesetzt und geschoben werden. Die Diabetes-Kranken bekommen ihre Spritzen. Hier schaue ich natürlich nur zu, nutze die Gelegenheit für kurze Gespräche. Leider etwas, was bei all der Arbeit bisher viel  kurz kam. Das liegt nicht an den Pflegekräften, sondern einfach an der fehlenden Zeit. Wenn man für alle immer gleich intensiv da sein möchte, geht leider das Individuelle oft verloren.

Heute ist Wiege-Tag! »Wir müssen darauf achten, dass unsere Bewohner nicht zu sehr abnehmen«, erklärt mir eine Kollegin. Für diejenigen, die noch aufstehen und sitzen können gibt es eine Sitzwaage – eine Art Stuhl, bei dem unten das Gewicht angezeigt wird. Bei den bettlägerigen Patienten wird es hingegen schon schwieriger. Für sie gibt es eine Art Hängematte, in die sie für den Vorgang gehoben werden können. Da muss man schon mal kräftig zupacken!

Der Schweiß läuft bei den brütenden Außentemperaturen, auch wenn die Station einigermaßen kühl ist. Für uns Pfleger heißt es deswegen besonders darauf zu achten, dass die Bewohner genug Getränke haben und auch wirklich ausreichend davon trinken.
Der Vormittag ist wie im Flug vergangen. Zeit durchzuatmen ist so gut wie nie. Weiter geht’s mit dem Mittagessen – die gleiche Prozedur wie beim Frühstück: Wer kann, kommt selbst, andere Pflegebedürftige holen wir in den Speisesaal, wieder andere bekommen ihr Essen aufs Zimmer. Erst nach dem Mittagessen wird es kurz ruhiger – viele Bewohner ziehen sich zurück in Ihre Zimmer, um Mittagsruhe zu halten.

Um 15 Uhr ist mein Tag im Alten- und Pflegeheim beendet. Der Geruch des Desinfektionsmittels hängt mir noch lange in der Nase. Viele Eindrücke sind auf mich eingeprasselt. Ich bin nachhaltig beeindruckt von der Arbeit, die die Pflegerinnen und Pfleger jeden Tag leisten. Es war ein besonderer Tag und ja, auch sehr belastend. Ich war nur acht Stunden hier, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten das jeden Tag aus. Sie sind Pfleger, Therapeut, Sozialarbeiter, sie trösten und manchmal sind sie auch seelische »Müllkippe«. Leider erfahren die Pflegekräfte allzu oft nicht unsere höchste Wertschätzung. Obwohl gerade sie das verdient haben für ihre knochenharte Arbeit, für die wir dringend Nachwuchs brauchen.
Ich habe einfach höchsten Respekt vor dem, was die Pflegekräfte hier und im ganzen Land täglich leisten. Ab heute noch viel mehr.

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