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Heute: Martin Dulig – ein Tag als Montage-Werker bei Volkswagen in Zwickau

Über 8.000 Menschen arbeiten bei Volkswagen in Zwickau. Heute bin ich einer von ihnen. Ich werde acht Stunden als »Montage-Werker« in der Fahrzeug-Endmontage am Band stehen. 1.350 VW Golf und Passat verlassen das Werk in Westsachsen jeden Tag – durch meine Hand gehen davon heute 207. Ich möchte mit den Kollegen hier sprechen. Ungefiltert erfahren, wo ihnen der Schuh drückt und was wir als Politiker für sie tun können.

»Wir müssen erst den Nippel durch die Lasche zieh‘n…« Mike Krüger tönt aus den Lautsprechern der riesigen Halle 5, in der ich heute arbeite. Überhaupt schallt den ganzen Tag pausenlos Musik aus den Boxen. Was für Außenstehende befremdlich wirkt, ist tatsächlich entspannend. Vor allem nachts. Denn die Arbeit am ständig gleichschnell laufenden Band kann monoton werden, da hält die Musik wach. Seit sechs Stunden montiere ich Golf- und Passat-Variant-Modelle. 2 Minuten dauert ein Takt, dann muss die jeweilige Tätigkeit beendet sein. 2 Minuten, um ein Frontend einzubauen. 2 Minuten, um die Scheinwerfer zu montieren. 2 Minuten für die Trägerbleche. Gummidichtungen müssen eingedrückt werden, Kühlergrills aufgesetzt. Alles in 2 Minuten.

Den Rhythmus habe ich schnell verinnerlicht. Nach einigen Versuchen, die kleinen Schrauben mit dem Akkuschrauber ganz exakt zu verankern, bleibt sogar Zeit und Luft zum Reden während der Arbeit. Mit meinen zwei direkten Kollegen komme ich ins Gespräch. Natürlich wissen die beiden längst, wer ich bin. Kein Wunder: Wie ein Lauffeuer verbreitete sich seit dem Morgen im Werk, dass ich da bin. Kurz vor 6 Uhr, direkt nach meiner Arbeitsschutzbelehrung, wurde ich von meinem Teamleiter in Halle 5 auf dem Weg zur Taktstraße begrüßt: »Ich bin der Holger.« »Ich der Martin«, antworte ich. Holger Unger schaute erst skeptisch – lächelte dann: »Dich kenn ich doch!«

Diesen Satz höre ich heute häufiger. Als regelmäßiger Gast bei Betriebsversammlungen, kenne nicht nur ich das VW-Werk in Zwickau recht gut. Auch die Mitarbeiter können mein Gesicht, trotz hellgrauer Latzhose und schwarzem T-Shirt statt Anzug und Krawatte, schnell zuordnen. Das ist völlig in Ordnung. Ich will mich ja nicht verkleiden oder abgeschirmt in Firmen schummeln, um zu spionieren. Im Gegenteil: Ich will nur ohne große Aufmerksamkeit und Sonderbehandlung mitarbeiten. Daher bin ich für die Kollegen einfach der Martin und im Schichtplan stehe ich wieder als »Martin Schmidt«.

Von 11.45 bis 12.15 Uhr ist Mittagspause. Die gesamte Taktstraße steht jetzt. Alle Kollegen haben zeitgleich Pause. »Wir gehen ins McFiebig. Martin, komm mit«, fordern meine Kollegen mich auf. Natürlich gehe ich mit. Bei Makkaroni und Wurstgulasch lasse ich mich über den ungewöhnlichen Namen aufklären: Siegfried Fiebig, der ehemalige Sachsen-Chef von VW, sorgte vor Jahren dafür, dass es zwischen den Hallen 5 und 6 dieses Bistro gibt. Die Mitarbeiter benannten es inoffiziell nach ihm.

Pünktlich setzt sich die Taktstraße wieder in Bewegung. Die grüne Anzeigetafel auf den vielen Monitoren über uns zeigt: Wir liegen im Plan. Würde das Band ungeplant zum Stehen kommen und deshalb weniger Autos produziert werden als geplant, wäre es rot. Die Anzeige bleibt den ganzen Tag grün. Neben mir arbeiten auffällig viele Männer – wenige Frauen. Warum? Es liegt nicht an der körperlichen Arbeit. Sondern weil noch bis vor wenigen Jahren Nachtarbeit für Frauen untersagt war. Bei ständig rotierenden Schichten war die VW-Stammbelegschaft in der Produktion so zwangsweise männlich. Erst in den vergangenen Jahren wurden mehr Frauen eingestellt.

Vier Mal wechselt mein Team den Platz auf der Montagestraße. Die Arbeit wäre sonst zu eintönig. Der 2-Minuten-Takt zieht sich überall durch. Die ganze Schicht. Am Anfang waren die 2 Minuten noch schwierig zu halten, weil ich viel lernen musste – bis die Handgriffe saßen. Nun kurz vor Feierabend läuft Vieles automatisch. Hocken, Sitzen, Stehen. Werkzeug, Bauteil, anbauen. Immer wieder die gleichen Handgriffe. Pünktlich nach 2 Minuten wird das zu bearbeitende Auto angehoben und schwebt davon, das nächste kommt. Golf folgt auf Passat, folgt auf Golf… Aller zwei Stunden geht es an eine andere Station.

Um 14 Uhr steht plötzlich ein neuer Kollege vor mir. Feierabend – die Ablösung ist da. Auf dem Heimweg macht sich die Müdigkeit breit. Die Arbeit ist zwar keine große körperliche Herausforderung, aber sie schlaucht ungemein. Was ich aber merke und mir auch die Kollegen bestätigen: Die Arbeitsbedingungen stimmen. Das Team stimmt. Man arbeitet miteinander. Egal ob Schichtleiter, Teamleiter oder Montage-Werker. Hier sind selbstbewusste Mitarbeiter, die sich mit ihrer Arbeit und ihrem Werk identifizieren. VW ist ein tarifgebundenes Unternehmen - das merkt man. Hier wird Sozialpartnerschaft gelebt. Ich würde mir mehr solche Unternehmen in Sachsen wünschen. Denn das hilft und motiviert die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Und es nutzt natürlich den Unternehmen auch, wenn die Belegschaft motiviert ist.

Meine Kollegen stehen morgen früh pünktlich um 6 Uhr wieder am Band. Dann ohne mich. Ich habe großen Respekt vor ihrer Arbeit. Beim Verabschieden sind sie sich einig, dass ich meinen Probetag bestanden habe: »Du kannst richtig anpacken. Dich nehmen wir!«

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