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Martin Dulig – ein Tag als Leuchten-Monteur in den Partner-Werkstätten der Stadtmission Chemnitz e.V.

Punkt 8 Uhr beginnt mein heutiger Arbeitstag in den Partner-Werkstätten der Stadtmission Chemnitz in Burgstädt. Als Praktikant stehe ich in Jeans und grauem Arbeits-T-Shirt an der Werkbank. Meine Kolleginnen und Kollegen heute sind Menschen mit unterschiedlichster Behinderung. Doch das spielt in Burgstädt keine große Rolle. Hier sind sie Werkstattmitarbeiter, der Begriff, »Menschen mit Behinderung« wird bewusst vermieden.

Bereits zum siebten Mal tauche ich heute in eine andere Arbeitswelt ein. Es gilt – wie an allen anderen Arbeitsplätzen meines Projektes »Deine Arbeit, meine Arbeit« – ich möchte keine Sonderbehandlung, keinen Rundgang, keine offizielle Begrüßung! Ich bin normaler Mitarbeiter. Deshalb wissen auch nur drei Personen im Voraus, wer ich bin. In den Partner-Werkstätten kommt es immer mal wieder vor, dass Praktikanten im Einsatz sind, so dass sich hier keiner groß wundert, dass ich als »Neuer« plötzlich auftauche.

Mein Einsatzort ist die Leuchtmontage. Hier werden LED-Leuchten für die Industrie produziert. Die Fertigung ist in einzelne Arbeitsschritte aufgeteilt, die von jedem Werkstattmitarbeiter ein unterschiedliches Maß an Können und Geschicklichkeit verlangen. Ich reihe mich ein und muss zunächst Platinen auf Profile aufbringen und verdrahten. Wir sind alle in gewisser Weise am Arbeitsplatz »angekettet«, was dem Schutz vor Entladung dient. ESD, also plötzliche elektrostatische Entladung, kann Bauteile, Geräte und Personen gefährden oder Brände auslösen – Arbeitsschutz geht alle an. Meine Tätigkeit ist keineswegs monoton, sondern vielseitig und durchaus anspruchsvoll. Wie anspruchsvoll merke ich recht schnell.

Gleich zu Beginn werden mir Arbeitshandschuhe angeboten, doch ich lehne ab. Schließlich trägt keiner meiner Kollegen welche. Wozu soll ich die dann nehmen? Kurze Zeit später bereue ich das. Die Profile für die LED-Leuchten sind sehr scharfkantig. Meine Hände zieren schnell mehrere Schnitte, die ich notdürftig mit Pflastern bedecke und die mich als Neuling gut erkennbar werden lassen.

Die Stimmung in der Werkstatt ist durchaus ambivalent. Mal herrscht eine lockere Atmosphäre, es wird laut gelacht – dann liegt eine gewisse Spannung in der Luft, wenn Mitarbeiter sich gegenseitig pushen, um ihr Tagesziel zu erreichen. Meine Gruppenleiterin Katrin gleicht dabei einer Dompteurin und Sozialarbeiterin. Ihre Tätigkeit geht darüber hinaus, Arbeitsschritte und Geschwindigkeit der Werkstattmitarbeiter zu kontrollieren. Die soziale Komponente ist hier besonders wichtig. Sie lobt, rügt, vermittelt – hilft. Sie ist immer präsent und weiß genau, wann sie wie eingreifen muss.

Es ist keine leichte Arbeit. Am Ende des Tages schmerzen die Sehnen in meinen Armen. Gemeinsam mit meinen Kollegen habe ich das Arbeitsziel für heute aber geschafft: Wir haben 220 Leuchten produziert – das Ziel waren 198 Stück  – auch wenn wir dabei mächtig ins Schwitzen gekommen sind.

Mein Einsatz in den Partner-Werkstätten ermöglichte mir erneut einen »doppelten Blick« auf Arbeit: Es ist kein Geheimnis, dass Arbeit wichtig ist für das Selbstwertgefühl. Jeder Mensch möchte gebraucht werden – das spüre ich auch in den Werkstätten. Seit 1996 fördert die Stadtmission Chemnitz Menschen mit Behinderung. Heute sind 550 Menschen in den drei Partner-Werkstätten in Chemnitz, Burgstädt und Grünhainichen beschäftigt. 150 von ihnen sind Auszubildende. Neben Montagearbeiten zählen auch Pulverbeschichtung, die Herstellung und Aufbereitung von Injektoren für Dieselmotoren und Ersatzteilverpackung zu ihren Aufgaben. Zu den großen Kunden zählen große, in Sachsen ansässige Automobilfirmen und Zulieferer.

Die Arbeit in der Stadtmission wird oft unterschätzt. Es ist keine Beschäftigungstherapie, sondern ein gewissenhafte, qualitativ hochwertige Produktion, deren Ergebnisse sich am Markt behaupten müssen. Die Menschen haben eine Aufgabe, werden wirklich gebraucht und nicht nur beschäftigt, um Zeit zu überbrücken. Das habe ich heute hautnah erfahren.

Trotzdem führt die soziale Arbeit ein Bittstellerdasein. Vielleicht wird sich die Wertschätzung ihr gegenüber mit weiter wachsender Fachkräftenachfrage erhöhen.

Meinen großen Respekt haben alle Mitarbeiter in solchen sozialen Einrichtungen. Wir brauchen eine andere Wertschätzung für soziale Arbeit, deren Bedeutung wächst – ob im Pflege- oder im Erziehungsbereich oder eben so, wie ich es heute erlebt habe, in der Arbeit mit Behinderten.

Denn jeder hat ein Recht auf Anerkennung seiner Begabung und Arbeit – egal ob mit oder ohne einer Behinderung.

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